Ein Vorläufer Jesu
von Hermann Gunkel
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Ein Vorläufer Jesu
Von Hermann Gunkel
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VERLEGT BEI ORELL FÜSSLI / ZÜRICH
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Copyrigiit by Verlag Seldwyla, Bern
1.
Es ist vor kurzem einem jungen norwegischen Ge-
lehrten, D. Sigmund Mowinckel, geglückt, eine bis dahin
unbekannte gewaltige Prophetengestalt im Alten Testa-
ment zu entdecken (S. M., Der Knecht Jahwäs, Gießen,
A. Töpelmann, 1921). Der Laie wird fragen, wie eine
solche Entdeckung in einem seit zwei Jahrtausenden
nach so vielen Seiten hin durchforschten Buche über-
haupt möglich sei. Aber das Alte Testament, aus ande-
rem Klima, aus fremder Rasse, aus längst entschwun-
dener Kultur stammend, von allem Gegenwärtigen viel-
fach aufs stärkste unterschieden, ist und bleibt trotz
aller wissenschaftlichen Bemühungen ein schwer ver-
ständliches Buch, dem man seine Geheimnisse nur
schrittweise entreißen mag, und besonders die prophe-
tischen Schriften, die von ihren Verfassern bewußt und
unbewußt dunkel gehalten sind, bergen der ungelösten
Rätsel noch viele. Ja, gerade die unendliche Mühsal, die
man an dies Buch gewandt hat, hat oft dem wahren
Verständnis mehr geschadet als genützt; denn welcher
fast undurchdringlicher Schutt falscher Erklärungen hat
sich im Laufe der Zeiten darüber angehäuft; wie hat
jedes Geschlecht, und auch trotz aller seiner Errungen-
schaften gelegentlich noch das neueste, das Seinige dazu
beigetragen, den Kern unkenntlich zu machen! Um so
dankbarer müssen wir sein, wenn uns wieder, einmal ein
Stück Wahrheit ins Licht gerückt wird.
Durch die Reden des ,,Deuterojesaia", d. h. der
Schrift, die dem Buche des alten Propheten Jesaia bei-
gebunden ist (Jesaia 40 — 55) und nach gegenwärtig
allgemeiner Annahme aus dem babylonischen Exil
stammt (um 540 v. Chr.), zieht sich eine rätselhafte
Figur, die Gestalt des „Knechtes Jahves" (Jesaia
42,1—7; 49,1—7; 50,4—11; 52,13—53,12). Schon ihr
Name ist vieldeutig, denn ein so großer Herrscher wie
Jahve hat viele ,, Knechte" und ,, Knechte" mancherlei
Art. Nur in allerlei nicht leicht zu verstehenden An-
deutungen wird in den vier Liedern, die von ihm
handeln, gesprochen, wie denn auch sonst in dem eigen-
tümlichen Dämmerschein, der über dem Buche dieses
lyrisch gestimmten Propheten liegt, alle scharfen Um-
risse verschwimmen. So ist es denn kein Wunder, daß
man von alter Zeit bis in die Gegenwart darüber hin
und her geraten hat, was sich in diesem Halbdunkel ver-
berge. Früher hat man an den ,, Messias" gedacht,
dem die Figur, die zum Schluß ein großer Weltherr-
scher werden soll, auch in gewisser Weise verwandt
erscheint, nur daß freilich das Leiden und Sterben, das
ihr zugeschrieben wird, von dem Messias, einer glänzen-
den Heldengestalt der Endzeit, weit abliegt. Neuere
Gelehrte pflegen darauf hinzuweisen, daß auch das Volk
Israel nicht selten und gerade bei Deuterojesaia Jahves
Knecht genannt wird, wie es denn wirklich nicht ganz
leicht ist, diese beiden Knechte in allen Einzelheiten
auseinander zu halten; aber an einigen Stellen wird der
,, Jahve -Knecht" doch von dem Volke deutlich unter-
schieden: er hat an diesem selber einen Beruf und ist
auch in seinem ganzen Wesen ein anderer: Israel hat
Jahve verlassen und hadert mit ihm, er aber hält auch
in dem Leiden treu an seinem Gotte fest. Auch trägt
die Darstellung so viele bestimmle Züge, daß sie kaunx
anders als auf eine Einzelpersönlichkeit verstanden wer-
den kann, während andere Beobachtungen darauf führen,
daß sie eine Größe der damaligen Gegenwart sein muß.
Gewisse andere Erklärungen, wie diese, daß es sich um
das ,, ideale Israel" handle, ein Wort, das die hebräische
Sprache gar nicht kennt, hätten überhaupt nicht auf-
gestellt werden dürfen. Aber wer mag denn nun diese
wunderbare Gestalt ursprünglich gewesen sein ?
In diesen Nöten hat Mowinckel, wife mir scheint,
das Richtige getroffen und eine so einfache Lösung ge-
funden, daß man sich wundern darf, daß man nicht
längst darauf verfallen ist. Doch muß ich hinzufügen,
daß sie mir schon einmal in einer Studentenarbeit — sie
stammte von dem gegenwärtigen rheinhessischen Pfarrer
Koeppler in Stadecken — begegnet, damals aber in ihrer
Bedeutung von mir nicht erkannt worden ist. Diese
Lösung aber ist diese, daß der Jahve- Knecht kein
anderer als der Prophet selber ist. Die folgende
Schrift, in der ich im Ergebnis und in vielen Einzel-
heiten Mowinckels geistreichen Ausführungen nachgehe,
soll das in großen Zügen darstellen.
2.
Wir müssen zunächst weiter ausholen und den
Rahmen schildern, in dem die Selbstaussagen des
Propheten stehen, seineVerkündigung an seinVolk.
Der ^Staat Judas ist damals durch furchtbare
Schläge des chaldäischen Weltreiches vernichtet. Jeru-
salem liegt in Trümmern. Die besitzenden und führen-
den Stände sind in das ferne Babylonien fortgeführt
und dort zwangsweise angesiedelt worden, nun schon
seit 50 Jahren. Jetzt aber steigt eine Hoffnung empor.
Cyrus, der Perserkönig, schickt sich an, die Welt zu er-
obern; schon ist das mächtige Lyderreich vor ihm ge-
fallen (546 V. Chr.). Nun muß sich das persische Reich
mit ungeheurer Übermacht auf den altersschwachen
chaldäischen Staat stürzen. Eine Umwälzung aller Ver-
hältnisse zieht heran, der Sturz des verhaßten Zwing-
herrn der Juden!
In diesen aufregenden Jahren hat der Prophet,
dessen Namen uns nicht überliefert ist, seine jubelnde
Stimme erhoben. Jetzt ist die Stunde des Heils gekom-
men, so verkündigt er. Der Gewaltherrscher stürzt, der
Kerker tut sich auf, und Israel wird frei! In Worten
voller jauchzender Begeisterung schildert er das Glück,
das nun bevorsteht. Jahves Zorn, der so lange auf
seinem abtrünnigen Volke lastete, ist jetzt vorüber!
Jerusalems Mühsal ist vollendet und seine Schuld ver-
geben! Durch die Wüste, die Babylonien von Kanaan
trennt, zieht Israel in seine Heimat zurück ; der Gott selber
führt den Zug. Da erneuern sich die Wunder, von denen
die alten Geschichten erzählen: die Steppe bedeckt sich
mit köstlichen Bäumen, und Quellen bewässern das
dürre Land wie ein Paradies. Herrlich ersteht die heilige
Stadt aufs neue, glänzend von köstlichen Edelsteinen,
eine strahlende Märchenstadt. Nicht Worte mögen
sagen, wie wundervoll alles werden soll:
„Träufelt, ihr Himmel, von oben,
und die Wolken rieseln Segen!
Die Erde tue sich auf, und es reife Heil,
und Segen sprosse zugleich!"
Und immer noch weiter schweift der Blick des schwärme-
rischen Sehers. Jahve, der Gott, der sich in allen diesen
Wundertaten als der machtvolle Herr des Alls offenbart,
muß auch anerkannt werden von den Völkern der ganzen
Welt. Die Heiden werden die großen Taten schauen, die
er an Israel tut; sie werden erkennen, daß er allein Gott
ist, und die Torheit ihres bisherigen Götzendienstes ein-
sehen. Ihm sollen sich zuwenden die Enden der Erde,
vor ihm wird sich beugen jedes Knie und zu ihm jede Zunge
schwören. Und noch immer mehr! Mit dieser Verherr-
lichung seines Gottes wird auch Israel verherrlicht.
Alle Heiden huldigen dem Volke, das allein Gott kennt.
Und so beginnt ein Weltreich Judas.
„Könige sollen deine Wärter sein
und Fürstinnen deine Ammen!
Aufs Antlitz sollen sie vor dir niederfallen,
den Staub deiner Füße lecken.
Daß du erkennst, daß ich Jahve bin,
daß nicht zuschanden werden, die auf ihn harren!"
Die Geistesart des Propheten klingt aus allen diesen
Erwartungen deutlich hervor: aus dem unermeßlichen
Elend jener Tage, in dem auch die Besten verzagen und
verzweifeln mochten, schwingt sich seine verzückte
Begeisterung für seinen herrlichen Gott empor, der aller
Wunder mächtig ist, und seine innige Liebe zu seinem
zertretenen und des Trostes, ach, so bedürftigen Volke.
ßo malt er die Zukunft Jahves und Israels mit wunder-
vollen Bildern einer überschwenglichen Hoffnung. Und
auf alle Fragen nüchterner Überlegung, wie das alles
möglich sei, antwortet er in unerschütterlichem Gott-
vertrauen: Jahve wird es tun! Kein Zweifel, daß
dieser Mann zu den größten Geistern Israels gehört: er
hat den Monotheismus, auf den sein Volk .von Anfang
an angelegt war und dem die Prophetie vor ihm schon
seit langem zusteuerte, hinreißend verkündet; er hat
das berechtigte Hochgefühl der prophetischen Religion,
die sich in ihrer Verschmähung aller Bilder und Symbole
über den heidnischen Bilderdienst hoch erhaben fühlte,
gewaltig ausgesprochen und die weltumfassende Idee
des Universalismus, wonach einst die Herzen der Heiden
dieser Religion zufallen werden, mit aller Deutlichkeit
erfaßt: andere Propheten Israels mögen in blutigen
Bildern vom Verderben der Heiden schwelgen, er weiß
von einem Heil, das über die ganze Welt ergehen soll!
Und zugleich hat seine Botschaft von Jerusalems Ver-
klärung die in der Folgezeit geschehene Heimkehr und
die Neugründung des Judentums vorbereitet.
Und nun die Hauptsache für uns in diesem Zu-
sammenhange, die Rolle, die ihm nach den Liedern vom
,, Jahve-Knecht" in diesem Weltendrama von Jahve zu-
erteilt ist. Er selber ist Jahves Prophet, von ihm zu
seinem Werkzeug erwählt; der Gott hat ihn von Mutter-
8
leibe an dazu berufen und ihn jetzt bei der Hand ergriffen.
Das Wort ,, Jahve-Knecht", das er sich selbst zum Titel
gibt, bedeutet hier nichts anderes als „Prophet". Er
verkündet es, daß Jahve seinen Geist auf ihn gelegt und
seine Worte ihm in den Mund gegeben hat, damit er
seine Wahrheit bekannt mache. Er beschreibt es, wie
ihm der Gott täglich Offenbarungen [erteilt, wie er ihm
die ,, Zunge von Jüngern" verleiht und Morgen für Morgen
das Ohr aufweckt, ,,um wie Jünger zu hören": Sache
eines Jüngers, Schülers ist es, die Worte des Meisters
genau aufzunehmen und getreulich nachzusprechen. Im
Bilde nennt er sich selber Jahves spitzigen Pfeil und
seinen Mund das scharfe Schwert des Gottes; sein Wort,
so will er sagen, ist Jahves machtvolle Waffe.
Alles dies unterscheidet sich grundsätzlich noch nicht
von dem, was. auch andere Propheten gelegentlich von
sich sagen. Auch Jeremia hat an seine Berufung von
Mutterschoße an geglaubt, und derselbe Gottesmann
ist überzeugt, die Zukunft nicht nur voraussagen zu
können, sondern sie zugleich zu vollziehen. Denn das
Gotteswort, das ein Prophet ausspricht, verhallt nicht,
so war er und mit ihm sein Volk überzeugt, als ein
bloßer Schall in der leeren Luft, sondern trägt geheime
Wirkungskraft in sich: und was er in Gottes Namen aus-
spricht, das wird und muß geschehen! Danach ist auch
der uns auffallende Satz zu verstehen, daß Jahve seinen
Knecht zu seiner Waffe im Kampf erkoren hat: durch
seine Worte will er die Zukunft heraufführen.
9
4.
So ergeht seine Sendung zunächst an sein unglück-
liches Volk. Er ist berufen,
,, Gefangene aus dem Kerker zu führen,
aus der Haft, die in Finsternis sitzen",
d. h. er soll Israel, das (bildlich gesprochen) in der
Gefangenschaft schmachtet, in die Freiheit führen. Dann
aber hat er Jahves Auftrag,
,, Jakob zu ihm zurückzubringen,
daß er Israel zu sich sammele",
d. h. er soll das Volk zu Jahve in die Heimat geleiten
und daselbst ,, Jakobs Stämme errichten", d. h. neu
gestalten. Und so soll er ein ,, Volksbund" werden,
d. h. einen neuen Bund zwischen Gott und Volk schließen
und in seiner Person verkörpern.
Der Prophet wird sich diesen Beruf, den ihm sein
Gott gegeben hat, nach dem Vorbild der großen Gottes-
helden, Mose und Josua, gedacht haben, die ja auch
Israel aus dem Knechthause in die Freiheit geleitet,
einen Jahve-Bund mit ihm geschlossen, es nach Kanaan
geführt und daselbst die Sitze der israelitischen
Stämme geordnet haben. Wir wundern uns über solche
Nachahmung alter Muster nicht, redet der Prophet doch
auch sonst davon, daß die Wunder der Vergangenheit
jetzt neu werden sollen.
5.
Die Sendung des Propheten umfaßt aber noch bei
weitem mehr. Nicht nur an Israel, sondern auch an den
Heiden wird sich — so haben wir gesehen — sein Gott
10
offenbaren. Und auch dies durch seinen Knecht!
Wir erkennen noch an dem zweiten Liede, auf welchem
Wege ihm dieser Gedanke gekommen ist. Als er verzwei-
felte, seinen Beruf an seinem Volk ausführen zu können,
und umsonst gearbeitet zu haben wähnte, da hat der
Gott seinen Auftrag nicht etwa zurückgenommen, son-
dern einen neuen, noch viel gewaltigeren hinzufügt:
,,Zu gering ist's mir, daß du mir Knecht seist,
um Jakobs Stämme zu errichten;
Drum mach ich dich zum Licht der Heiden,
daß mein Heil reiche bis zu den Enden der Welt"!
Der Widerstand, den er in seiner Wirksamkeit
gefunden hat, hat ihn zu einem noch trotzigeren Glau-
ben entflammt. ,,Je größer die Schwierigkeit, desto
kühner und umfassender wird der Heilsplan Jahves."
Und so schildert er, wie ihn der Gott in die Welt einführt:
,,Hier ist mein Knecht, an dem ich halte,
mein Erwählter, der meiner Seele gefällt;
Meinen Geist habe ich auf ihn gelegt,
die Religion soll er den Völkern verkünden."
Nicht nur ein ,, Volksbund", auch ein ,, Licht der
Heiden" soll er werden!
,,Er setzt die Religion auf Erden ein,
auf seine Lehre sollen die Gestade harren!"
Und so tritt er mit seiner Verkündigung unter die
Völker hin:
,,Hört, ihr Gestade, auf mich,
und lauscht, ihr Völker, in der Ferne!"
11
und für die Zukunft darf er erwarten, daß die ganze
Welt seine Botschaft annehmen und ihm als dem Träger
des Gotteswortes huldigen wird:
„Könige werden's sehen und aufstehn,
Fürsten und niederfallen!"
Wir erschrecken vor der Größe des Berufs, den er
sich selber zuschreibt. All das Gewaltige, Herrliche,
Entzückende, was jetzt kommen soll, will er selber durch
seine Worte ins Leben rufen! Den uralten Gottesmann
Mose, der doch nur an Israel, nicht an die Welt gesandt
war, will er noch überbieten !/ Aber wir müssen bedenken,
daß israelitische Gemütsart überhaupt mehr zu schwär-
merischer Übertreibung neigt als der nüchterne Norden,
und daß insbesondere die Propheten ihre Verzückung
zu den überschwenglichsten Worten hinreißt; und dieser
ist der Begeistertste unter ihnen allen! Auch bleibt
alles dieses grundsätzlich auf der Linie, die sonst pro-
phetische Selbstaussagen innehalten; haben doch die
israelitischen Gottesmänner vielfach Befehle an die
fremden Völker gerichtet, und hat sich doch auch ein
Jeremia berufen gefühlt, wie ein Stellvertreter Gottes
auf Erden Völker auszurotten und zu pflanzen, und
selber in einem schaurigen Gesicht allen Nationen Jahves
Zornesbecher gereicht, daß sie daraus Wahnsinn und
Verderben trinken. Dennoch hat keiner der anderen
Propheten eine solche Ehre für seine eigene Person
beansprucht, daß er die Huldigung einer ganzen Welt für
sich gefordert hätte. Aber übersehen wir nicht, daß
hier einer der größten Geister der Menschheit redet,
selber über das sonst Gewöhnliche und Geziemende
12
weit hinausgerissen durch den brausenden Überschwang
der Gedanken, die ihnerfüllen. Und jedenfalls hatmensch-
liche Eitelkeit bei solchen Sclbstaussagen keine Stätte;
denn nicht an sich selbst und die Vorzüge seiner Per-
son hat er gedacht, sondern sich nur als das Werkzeug
seines Gottes gefühlt; und auch seine Verherrlichung
wird geschehen
,,um Jahves willen, der treu ist,
des Heiligen Israels, der dich erwählte."
Wir begreifen, daß man Jahrtausende hindurch
die ungeheuren Selbstaussagen und Forderungen des
Mannes nicht auf ihn selber hat verstehen können und
deshalb so viele andere Erklärungen dafür gesucht hat.
6-
So hochgespannte Erwartungen für das Volk und
für die Person des Propheten konnten nicht anders als
tragisch ausgehen. Das folgende Bild zeigt, wie er gegen
diese, durch die Natur der Dinge gegebene Tragik seines
Lebens gerungen und sie schließlich im Geiste bezwun-
gen hat.
Zunächst ist sein Auftreten so ganz anders gewesen,
als es der gewaltige Beruf verlangt hätte. Er hätte
zwischen Himmel und Erde dastehen und seine Worte
wie mit Donnerstimme über die ganze Welt hinausrufen
müssen. Aber in ganz anderer Art hat er gewirkt: nicht
wie die anderen Gottesmänner hat er auf der Gasse seine
Stimme erhoben, sondern still und sanft hat er sich an
die zerbrochenen Herzen in seinem Volke mit freund-
licher Trostpredigt gewandt:
13
„Das geknickte Rohr zerbricht er nicht,
den glimmenden Docht verlöscht er nicht."
Und wie ein solches Rohr und ein solcher Docht, so ist
er selber gewesen. Er glich, so heißt es mit anderm
Bilde, ,, einem unansehnHchen Reis, einer Wurzel aus
dürremLand"; ,,erhattekeine Gestalt", ,, kein Aussehen",
das die Augen der Menschen auf sich zog. Schlicht, ver-
borgen, still und sanft hat er gewirkt. Er wird weder
von besonders hohem Stande noch sonst als Mensch
von auffallender Art gewesen sein: äußerlich betrach-
tet nichts als ein einfaches, liebenswürdiges, hoch-
gesinntes, gütiges Menschenkind.
7.
Und dieser so zarten Predigt hat niemand geglaubt;
daß Jahves Arm gerade durch ihn wirken wollte, hat
sich keinem enthüllt. Zum spitzigen Pfeil war er be-
rufen, aber der Pfeil blieb im Köcher ; ein scharfes Schwert
sollte sein Mund werden, aber das Schwert ward nicht
gezückt: der Gott hielt es ,,im Schatten seines Armes"
verborgen, d. h. er trug es geschultert. Ein Volk, blind
und taub gegen Jahves Taten und Worte: so war Israel
von jeher gewesen, und so hat es sich auch gegen ihn
erwiesen. Er fand sie, jeden einzelnen den Sorgen und
Nöten seines täglichen Lebens dahingegeben, wie eine
Herde von verirrten Schafen, von denen jedes auf seinen
eigenenWeg schaut, und so sind sie geblieben. Sie hatten
jeder mit sich selber genug zu tun, und zu unbegreiflich-
herrlich war seine Botschaft von künftiger Freiheit und
nahem Glück, als daß sie bei den armen Seelen Glauben
14
hätte finden können. Und auch in der Welt da draußen
hatte sich so rasch nichts verändert; die großen Wande-
lungen unter den Staaten, die sein prophetischer Blick
richtig erkannt hatte, vollzogen sich nicht so schnell,
wie das seine Ungeduld gewünscht und erwartet hatte.
Und so muß er in die Iclagenden Worte ausbrechen:
,, Umsonst hab ich mich bemüht, für nichts und wider
nichts meine Kraft verzehrt." Und noch Schlimmeres
hat er erfahren. Das Los des unbequemen Propheten,
den die Zeitgenossen verhöhnen und verspotten, war
auch das seinige geworden. Wie hatte sein großer Vor-
gänger Jeremia unter diesem traurigenSchicksal geseufzt !
So war es nun auch über ihn gekommen. Diejenigen, die
er in ihrer Not trösten, ermuntern, begeistern wollte,
hielten seine Worte im Gegenteil für sehr bedenklich;
denn wie nun, wenn die chaldäische Obrigkeit, von der
man doch ganz abhängig war und mit der man in leid-
lichem Einvernehmen lebte, von seiner Predigt ver-
nahm, in der er dem herrschenden Reiche den Unter-
gang drohte ? Was für ein Strafgericht konnte sich da
über sie alle entladen! Kein Wunder, daß man ver-
suchte, ihn mit Gewalt zum Schweigen zu bringen.
Man hat ihn geschmäht und angespien, den Bart seiner
Wangen gerauft und seinen Rücken geschlagen. So ward
er derVerachtetste unter allen Menschen, er, der der Ge-
ehrteste hätte sein müssen! Wie Jeremia, so hat auch
er seinen Kummer in ,, Klageliedern" ergossen, ähnlich
denen, wie sie im Gottesdienst die Leidenden und Kran-
ken zu singen pflegten.
2 Gunkel, Ein Vorläufer Jesu. 15
Aber ebenso wie den Jeremia hat auch ihn immer
wieder die göttliche Stimme aufgerichtet. Der Gott, der
ihn von Mutterleibe an berufen hat, es ist ja derselbe,
der Himmel und Erde geschaffen hat und allmächtig
darüber gebietet! Er hält ihn aufrecht und behält ihn
lieb; in seinen Augen bleibt er geehrt! So lischt er trotz
aller seiner Schwäche nicht aus und zerbricht nicht, bis
er seine Sendung ausgeführt! Einst aber wird er den-
noch den Lohn seiner Arbeit von Gott empfangen; dann
werden Könige vor ihm niederfallen! Dafür setzt Jahve
seinen göttlichen Namen zum Pfände : ,,der Erlöser Israels
und sein Heiliger" wird den, den die Menschen ver-
abscheuen, zu hohen Ehren bringen! Und so hat er
die innere Kraft, einer ganzen Welt zu widerstehen:
„Der Herr Jahve hilft mir,
drum werd ich nicht beschämt.
Drum mach ich mein Gesicht dem Kiesel gleich ;
ich weiß: ich werde nicht zu schänden.
Nah ist, der mir Recht schafft ; wer mag mit mir
Laßt uns zusammen hintreten! [streiten?
Wer ist mein Gegner im Prozeß ?
Er nahe sich mir!
Fürwahr, der Herr Jahve hilft mir!
Wer kann mich verdammen?"
Solche Schilderungen der inneren Leiden und Er-
hebungen zeigen so deutlich ein persönliches Leben und
sind zudem den Klagegedichten des Jeremia in Form
und Inhalt so ähnlich, daß wir gerade ihnen die volle
Sicherheit entnehmen: auch hier redet ein Prophet von
sich selber. Freilich hat Jeremia in derartigen Kämpfen
16
wilde Worte des Fluches gegen seine Gegner geschleu-
dert und ihnen das plötzliche, furchtbare Verderben
angewünscht, wie denn auch die Psalmisten, deren
Töne die Propheten in solchen Liedern nachahmen, oft
von grausamem Zorn überfließen. Ganz anders darin
unser Prophet, dem Verwünschungen nur einmal über
die Lippen kommen, und der die Angriffe seiner Feinde
sonst immer in stiller, zuversichtlicher Ergebung erträgt :
,, Meinen Rücken bot ich den Schlagenden
und meine Wangen den Raufenden.
Mein Antlitz verbarg ich nicht
vor Schmähung und^Speichel."
Diese demütige Hingebung an die Anfechtungen des von
Gott verordneten Berufes, dies sich selbst bescheidende und
zum Leiden bereite Gottvertrauen ist eine hohe Tugend,
die von dem leidenschaftlichen Sträuben gegen die De-
mütigung, das sonst für israelitische Art bezeichnend ist,
aufs stärkste absticht. Es ist eine tiefe Frömmigkeit,
die sich so ausspricht, die keiner der Vorhergehenden in
dieser Weise gekannt hatte, und der auch ein Jeremia
nur in seinen besten Stunden nahegekommen war.
8.
Aber noch tiefer ist der Prophet von seinem Gotte
geführt worden./' Wir schließen aus den mancherlei
Anspielungen des letzten Gedichtes, die wir wiederum
aus hebräischen Klageliedern verstehen, daß er zuletzt
schweren Krankheiten verfallen ist. Und da ist es ihm
ergangen, wie es im alten Israel den Kranken und Sie-
chen zu ergehen pflegt: ihre Umgebung wendet sich
17
von solchem, jener Zeit völlig rätselhaften Leiden voller
Schauder und Abscheu ab und argv/öhnt, daß sich in
der Plage ein schwerer Gotteszorn offenbare. So hat
man sich auch über ihn entsetzt:
,, Geschändet war er, nicht mehr menschlich sein Aussehn,
noch seine Gestalt wie die von Menschenkindern."
,,Er war verachtet und von Menschen verlassen,
ein Mann der Schmerzen, nur mit Krankheit vertraut.
Wie einen, der das Antlitz vor uns verbirgt,
verachteten wir ihn und schätzten ihn nicht."
,,Wir hielten ihn für einen Geschlagenen,
von Gott Getroffenen und Geplagten."
So ist er, der Auserlesene, dem die Herrlichkeit der
Welt gebührte, von den Menschen ausgestoßen worden
als einer, der von Gottes Hand selber gezeichnet sei.
Der berufen war zum edelsten Beruf, mußte das Schick-
sal eines Hiob tragen. Aber auch in dieser schweren äuße-
ren und inneren Drangsal hielt er an seiner demütigen
Ergebung fest. Er schalt nicht wieder, da er gescholten
ward.
,, Gemißhandelt, fügte er sich willig
wie ein Lamm, das zum Schlachten geführt wird;
wie ein Schaf vor seinen Scherern
blieb er stumm, tat den Mund nicht auf."
Und nun steht ihm noch das Äußerste bevor. Sein
Leiden — das verhehlt er sich nicht — kann nicht
anders schließen als mit seinem Ende: er wird ,, aus-
gerottet aus dem Land der Lebendigen" und ,,zu Tode
18
f;eschlap;en". Unbemerkt wird er dahingehen, niemand
wird sich um seinen traurigen Ausgang kümmern und
fragen, ob ihm wirklich so Recht geschehe:
„seines Rechtes beraubt, wird er dahingerafft,
und seine Sache, wer bedenkt sie ?"
Und schließlich — das ist nach damaliger Anschau-
ungdiebesondersschmerzvolleVerschärfungeines solchen
Sterbens — wird ihm nicht einmal ein ehrliches Begräb-
nis zuteil werden:
Man gibt ihm ,,bei Frevlern das Grab
und bei Missetätern seine Stätte,
obwohl er kein Unrecht getan
und kein Trug in seinem Munde erfunden."
Damit, so malt er sich die ihm nur allzugewisse
Zukunft aus, ist er schmachvoll dahingegangen, seine
Leiche auf dem Schindanger verscharrt! Er, der Un-
schuldige, ist noch im Tode als ein arger Verbrecher
geschändet! Und seine Sendung? Sie ist nichterfüllt.
Jahves Wort auf seinen Lippen ist zur Lüge geworden.
Sein tiefstes Verlangen und heißestes Begehren, der
Bote seines Gottes an alle Welt zu werden und von ihm
vor allen Völkern die Herrlichkeit zu gewinnen, ist
traurig gescheitert. Schmach hat er empfangen statt
der Ehre.
9.
Nun aber rafft sich sein Glaube zum letzten Mal
empor und triumphiert noch über Tod und Grab, Der
Gott, der ihn jetzt der Schande hingibt, ist ihm eine
Rechtfertigung vor aller Welt schuldig. An solcher
19
öffentlichen Bekundung seiner Unschuld hängt auch ein
Hiob; darauf kann auch der Prophet nicht verzichten.
Denn so liegt es in ^Israels Volksart, und so sehen wir
es Jauch in den Klagepsalmen: kein Israelit, der un-
schuldig leidet, gibt die Hoffnung auf Wiederherstellung
seines Rechtes, seiner Ehre auf. Nein, so denkt auch
Deuterojesaia, es muß dennoch die Zeit kommen, da er
zum ersehnten Erfolge kommt und hoch und erhaben
dasteht. Wie sich jetzt Gewaltige über ihn entsetzen,
,,so müssen einst Gewaltige über ihn staunen,
Könige den Mund verschließen."
Ja, staunen müssen sie einst über seine Herrlichkeit
und vor lEhrfurcht jkein Wort mehr über die Lippen
bringen können 1 Denn dann ist er selber ihr Herrscher
geworden.
,,Er bekommt für sich an Gewaltigen das Erbe,
die Mächtigen erhält er zur Beute."
DieseVerherrlichung aber kann nur geschehen durch seine
Auferstehung hindurch! Leider ist der Text gerade
an dieser Stelle verderbt; doch ist unzweifelhaft, daß
er auch vor diesem Äußersten nicht zurückgescheut ist.
Wir mögen seine Worte etwa folgendermaßen wieder-
herstellen:
,,Doch Jahve gefällts, ihn von Krankheit zu reinigen,
wenn seine Seele die Schuld büßt.
Er wird den Aufgang schauen, langes Leben haben,
seine Arbeit wird gelingen, er wird seinesWünschens satt"
20
Er wird den Aufgang (des Lichtes) schauenl
Das ist in diesem Zusammenhange nur auf ein Leben
nach dem Tode zu verstehen. FreiHch ein schwer aus-
zudenkender Gedanke, namentlich im alten Israel, das
keine Hoffnung nach dem Tode kannte. Er weiß es
wohl, daß es ein unerhörtes Wunder ist:
,,Was nie erzählt wurde, schauen sie nun;
was sie nie gehört, gewahren sie!"
Aber sein Glaube steht nicht an, dies Wunder-
barste von seinem Gott zu verlangen. So hat er das
furchtbare Geschick, das seiner sanften und geduldigen
Seele auferlegt war, besiegt. Aus seinem zermarterten
und zerquälten Herzen hat sich die Überzeugung von
seiner einstigen Auferstehung, Rechtfertigung und Ver-
herrlichung losgerungen. Eine Riesentat! Hier zum
ersten Male in der Geschichte Israels sehen wir den
Auferstehungsglauben als den Besitz einer persönlichen
Frömmigkeit. Vorbilder hat er dabei nur insofern, als
auch die Klagelieddichter, einem Glauben der Vorzeit
folgend, wonach die Seele des Ohnmächtigen in die
Unterwelt eingeht und beim Erwachen daraus zurückkehrt,
von einer Erlösung aus dem Totenreich sprechen; aber
das ist für sie nur eine altertümliche, dichterische Rede-
weise ; für ihn ist es eine Wirklichkeit. Derselbe Prophet,
der für Jahve und Israel die überschwenglichsten Er-
wartungen hegte, derselbe, der Israels Haupt und der
Heiden Licht hat werden wollen, jetzt im Tode bewährt
er noch einmal seine Kühnheit. Lebend und sterbend
bleibt er sich gleich.
21
10.
Doch damit ist das Rätsel seines Leidens und Ster-
bens noch nicht gelöst. Er hat noch immer tiefer gegra-
ben und gegrübelt, in der sicheren Überzeugung, sein
Gott werde dies alles nicht über seinen Liebling gesandt
haben, wenn er nicht dabei in seiner gnadenvollen
Weisheit einen besonderen, heiligen Zweck verfolgt hätte.
Und diese letzte göttliche Absicht hat er erkannt!
Sein Tod ist, so hat er gefunden, notwendig ge-
wesen, [um jdie Frevel seines Volkes zu süh-
nen: ,,um der Sünde seines Volkes war er zu Tode
geschlagen". Er hat dabei das Bild vom stellvertre-
tenden Sühnopfer aufgenommen, ein Bild, das jener
Zeit lebendig war und das für das damalige Nach-
denken keine Schwierigkeiten bot; aber er hat den
Gedanken sittlich vertieft: weil er die Leiden schweigend
und willig auf sich genommen hat, darum hat sein Opfer
einen erhöhten Wert erhalten; und weil er ohne Sünde
gewesen ist, darum hat er die Missetaten anderer tragen
können. Zugleich aber sieht man aufs neue, wie hoch
er sich selber einschätzt: er, der ,, hochgeehrt ist in
Jahves Augen", wird ,,die Sünden vieler tragen"
können.
Dieser freiwillige Tod aber wird, so ist er überzeugt,
auch seinen Eindruck auf diejenigen, für die er gelitten
hat, und die sich damals mit Abscheu von ihm ab-
wandten, nicht verfehlen. So wird sich Gottes Heils-
plan, der die Bekehrung Israels bezweckte, endlich doch
vollziehen!
22
Der Prophet hat alles, was er über sein Leben und
Sterben, sein schmachvolles Leiden und sein herrliches
Auferstehn, seine Gegenwart und Zukunft zu sagen hatte,
zusammengefaßt in einem letzten, gewaltigen Gedicht,
dessen tiefem Eindruck sich niemand entziehen kann;
ein ganzes Meer verschiedenster Stimmungen, die ihn
gegen sein Ende durchflutet hat, ist hier zu einer
großartigen Einheit zusammengeflossen. Am Anfang
und Schluß dieses Liedes schildert er in der Form der
prophetischen Weissagung dasjenige, wessen er für die
Zukunft sicher ist. In dies kraftvolle Dur aber hat er
in schwermütigem Moll ein wunderbares Mittelstück
eingefügt.
Es war eine eindrucksvolle Redeweise der Propheten,
wonach sie die Stimmungen der Zukunft, die sie in ihren
Lesernzu erwecken wünschten, in Gedichten niederlegten,
die einst, wenn ihre Weissagungen erfüllt sind und all das
Große geschehen ist, von ihrem Volke gesungen werden
sollten. So haben sie Leichenlieder, Hymnen und Klage-
lieder gedichtet, die nicht für die Gegenwart, sondern
für das kommende Geschlecht bestimmt waren. In
Gedichten dieser Art wird also die Zukunft so geschil-
dert, wie wenn sie schon Gegenwart wäre: das Herz der
Propheten erlabt sich an ihrer Hoffnung, indem sie sie
schon als erfüllt betrachten. So hat unser Prophet über
sich selber im voraus ein Leichenlied aufgezeichnet und
es in die Mitte jenes großen Gedichtes gestellt. Wer es
einst anstimmen und wann es gesungen werden soll,
wird nach prophetischem Stile, der sehr häufig absicht-
lich dunkel bleibt, nicht ausdrücklich gesagt, wird aber
23
doch aus dem inneren Zusammenhang der Worte deut-
lich. Diejenigen, um deretwillen er gelitten hat, also
sein Volk wird es sprechen in jener Zeit, wenn er gestor-
ben, aber auferstanden ist und zu voller Herrlichkeit
verklärt ist. Dann endlich wird sich ihr Herz ihm zu-
wenden und in bitterer Reue werden sie klagen über sein
Geschick. ,,Ach, daß ich dich so spät erkennet!" Sonst
war es in Leichenliedern Brauch, die Schönheit und
Pracht des Dahingegangenen zu preisen; sie aber werden
trauern müssen über die Niedrigkeit und Verachtung, in
der er gelebt hat! Und zugleich werden sie bekennen,
was ihnen erst jetzt aufgegangen ist, weshalb er hat
leiden müssen:
,, Unsere Krankheiten, er hat sie getragen,
und unsere Schmerzen, er lud sie auf;
Wir aber hielten ihn für einen Geschlagenen,
von Gott Getroffenen und Geplagten.
Er aber war um unserer Frevel willen geschändet,
um unserer Sünden willen mißhandelt.^^
Züchtigung, uns zum Heile, lag auf ihm,
durch seine Striemen ward uns Heilung.
Wir alle waren wie Schafe verirrt,
jeder wandte sich seines Weges.
Doch Jahve ließ auf ihn treffen,
kommen unser aller Schuld."
Es ergreift sie in der Seele, daß er, den sie verspottet
und mißhandelt, um dessen gutes Recht sich niemand
gekümmert, so viel Liebe zu ihnen im Herzen getragen
hat, um sich freiwillig für sie in den^Tod zu geben!
24
,,Der große Fürst der Ehren
Läßt willig sich beschweren
Mit Schlägen, Hohn und großem Spott."
So stehn in diesem wundervollen Liede zusammen
zartes Mitleid mit dem Dulder, Bewunderung seiner
stillen Größe, schmerzliche Reue, daß sie ihn verkannt,
und die tiefe Dankbarkeit für das, was er für sie getan.
Am Schluß des ganzen Gedichtes aber, da diese
Einkleidung des Leichenliedes wieder fallen gelassen
wird und die Weissagung noch einmal einsetzt, spricht
der Prophet kraftvoll seine eigene Überzeugung aus:
die künftige Ehre wird ihm zuteil, ,,wenn seine Seele
die Schuld büßt", und sie wird ihm mit Recht zukommen
,, dafür, daß er seine Seele ausgoß
und unter die Missetäter sich zählen ließ,
Während er die Sünden vieler trug
und für ihre Missetaten eintrat."
Mit diesem Hoffnungsbilde im Herzen ist der Prophet
in den bitteren Tod gegangen, gewiß, daß ihm ein neuer
Morgen tagen wird: ,, seine Arbeit wird gelingen, er
wird seines Wünschens satt!"
11.
So weit das erhabene und rührende Lied, in dem
sich Karfreitags- und Osterstimmung im voraus ankün-
digen. Denn welcher Leser denkt nicht bei diesem
Prophetenbilde an den anderen großen Gottesknecht,
den größten unter ihnen allen, der gleichfalls von seinem
Volk zurückgewiesen war und den unentrinnbaren Tod
25
vor Augen sah. Auch er hat das gewaltigste Selbst-
gefühl für die Größe seiner Sendung und die Einzig-
artigkeit seiner Person wunderbar mit demütiger Sanft-
mut verbunden ; auch er hat sein Leiden mit gläubiger
Gelassenheit auf sich genommen und den Gedanken an
seinen Tod mit der Überzeugung überwunden, sein Blut
werde ein Lösegeld für viele werden, und zugleich mit
dersicheren Erwartung, er werde in Bälde wiederkommen
in den Wolken des Himmels. Die Forschung unserer Tage
hat zuweilen diese Gedanken Jesu abgestritten, weil sie
ihre Entstehung in seiner Seele nicht begreifen konnte;
sie wird vielleicht andererMeinung werden, wenn sie jetzt
sieht, daß schon ein Vorgänger Jesu ähnlich gedacht hat.
26
Textänderungen,
soweit sie nicht in Kittels BiLlia Hebraica angegeben sind.
Jes. 42,3: Vielleicht ist besser jissaber und jiclibe zu lesen.
Jes. 45,8: lippathach; wejiphre.
Jes. 49,5: je'esöph, Subjekt ist Jahve.
Jes. 52,15: göjim Zusatz.
Jes. 52,17: streiche lähem.
Jes 53,2: lö'-phanim.
Jes. 53,3b : nibzehu.
Jes. 53,5: mechulläl.
Jes. 53,6b ist zu kurz, lies he'ethä.
Jes. 53,7: Das erste ,,er tat den Mund nicht auf" ist zu streichen;
ne'lani.
Jes. 53,8: ne'ezär mimmischpato; ammo.
Jes. 53,9: wajjuttan; betho?
Jes. 53.10. 11 : Die sehr verderbtenVerse sind stark überfüllt; nachdem
durch das ganze übrige Gedicht durchgehenden Versmaße
von je zwei Doppeldreiern müssen sie zusanunen ?wei
Verszeilen umfassen; wejahve chäphes und wcchcphes
jahve sind Varianten ebenso wie das zweimalige naphscho
jir'e. Man lese mit Gressmann nach LXX zakke'ö
mecholi; ferner te'scham; nach LXX zerach; streiche
bejädo; jisläch (so) gehört zum folgenden. In Vers 11 lese
man me'amalö (wörtlich: ,,er habe Glück, Gelingen hin-
weg von seiner Mühsal") und bire'ütho.
Jes. 53,12: jinchal; berabbim; man streiche lammäweth; ule-
phisch'ehem.
Der Aufsatz ist zuerst in der „Neuen Zürcher Zeitung" 24. —26. März
1921 erschienen und wird hier in überarbeiteter und erweiterter
Gestalt wiedergegeben.
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